Shisha Pangma 8.027 m

 

Die DAV Berg- und Skischule hatte 1983 erstmals die Genehmigung bekommen für eine Expedition zu dem tibetischen 8.000er Shisha Pangma. Expeditionsleiter war mein Freund Sigi Hupfauer. Außer dem Schweizer Fritz Luchsinger, dem 1956 die Erstbesteigung des Lhotse (8.516 m) gelungen war, und mir gehörten zehn weitere Bergsteiger zum Expeditionsteam. Trotz des Gipfelerfolgs stand das Unternehmen unter keinem guten Stern.

Am 19. März fliegen wir von Frankfurt aus über Islamabad, Peking und Chengdu nach Lhasa. Dort erwartet uns ein ausgedehntes und höchst eindruckvolles Kulturprogramm.

Vor uns liegt eine dreitägige Busfahrt. Die Route verläuft auf einer Höhe zwischen 3.700 m und 5.200 m. Wir besuchen Gyantse, Shigatse und Shigar. Fahren entlang der Nordabbrüche von Everest und Cho Oyu bis wir schließlich auf der nach Kathmandu führenden Straße auf ca. 4.600 m die Abzweigung einer Piste erreichen. Auf ihr geht es noch ca. 50 km bis zum vorläufigen Endpunkt. Der Höhenmesser zeigt 4.900 m. Wir stellen die Zelte auf.

Während der drei folgenden Wochen bauen wir in 5.700 m und 6.400 m Höhe zwei Hochlager auf und versorgen sie mit der von uns benötigten Ausrüstung und Verpflegung. Diese Zeit gleicht einer Horrorvision. Grund: Die Stürme Tibets. Ohne Hindernisse bläst der Sturm über spärliche Yakweiden und menschenleere Hochflächen. Dabei steigert er sich zum Orkan. Die Zelte knattern unablässig und unser Messezelt gleicht einem prallgefüllten Ballon. Nur ein Spinnennetz aus Bergseilen und unsere Muskelkraft hält es am Boden. Die anhaltenden Stürme schlagen schon nach wenigen Tagen vier Teilnehmer in die Flucht. Ihre psychische und physische Kraft ist gebrochen. Eine Woche später sind sie wieder in Peking.

Ein anderer Teilnehmer wird ernsthaft höhenkrank. Unbemerkt verlässt er das Lager. Er verirrt sich hoffnungslos - löst eine Suchaktion aus. Schließlich findet ihn Sigi und bringt ihn hinunter.

Mit schweren Rucksäcken verlassen wir am 22. April das Lager II. Wir wollen am Beginn des sogenannten Korridors (ca. 6.800 m) das nächste Lager errichten. Zu dritt schuften wir wie die Irren. Wir ebnen und befestigen im windgepressten Schnee die Plätze und stellen die notwendigen Zelte auf. Eine Arbeit, die auch gut trainierten Bergsteigern in 6.800 m Höhe das letzte abverlangt. Nach und nach kommen auch die anderen mit ihren Rücksäcken und helfen uns. Nur noch Hansjörg fehlt. Er hat sich kurz vor Erreichen des Lagerplatzes aus dem Seil gebunden. Er wollte allein gehen.

Wir vollenden den Lageraufbau und steigen bei schlechtem Wetter, miserabler Sicht und aufkommendem Sturm ab. Auf unserem Weg zum Lager II treffen wir nicht auf Hansjörg, machen uns aber keine Sorgen, da Sigi einige Zeit vor uns auf der gleichen Route abgestiegen ist. Wir sind überzeugt, dass er Hansjörg getroffen und mitgenommen hat.

Am Abend funken wir mit Sigi und fragen nach Hansjörg. Die Antwort auf unsere Frage löst lähmendes Entsetzen aus. Auch Sigi hat ihn beim Abstieg nicht gesehen. Er muss noch oben sein - allein in 6.800 m Höhe, bei extremer Kälte und orkanartigem Sturm. Die Nacht bricht herein - an eine Rettungsaktion ist heute nicht mehr zu denken.

Ich schlafe sehr schlecht, nicht nur weil das Zelt im Sturm unablässig knattert und wir ständig fürchten, es werde zerfetzt, sondern vor allem wegen des fehlenden Kameraden. Bei diesen Wetterbedingungen und ohne schützendes Zelt halte ich sein Überleben für ausgeschlossen. Trotzdem beschließen wir, am nächsten Morgen aufzusteigen. Das Wetter hat sich nicht gebessert. Normalerweise würden wir unsere Zelte nicht verlassen. Aber heute muss es sein, um nicht die letzte Chance zu versäumen, ein Leben zu retten.

Zu fünft steigen wir unter schlechtesten Bedingungen auf. Kurz vor dem Ende der Steilflanke, die zum Plateau führt, auf dem sich Hansjörg verirrt haben musste, ruft mir ein Kamerad unvermittelt zu: Ich sehe ihn sitzen - er ist erfroren. Auch ich erkenne auf dem gegenüberliegenden Eisgrat ein schwarzes lebloses Etwas. Wir sind entsetzt und sehen unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt. - Doch plötzlich bewegt sich der Punkt. Wir eilen mit keuchendem Atem bergauf und finden Hansjörg in einem scheinbar guten Zustand. Er kann sprechen, Antworten geben und sogar witzeln: So'n kloiner Badenser verreckt ebe net so schnell, sagt er zu mir, als ich zum Überleben gratuliere. Gleichzeitig erzählt er mir, er habe eine Expedition gesehen, die den Berg mit Selbstfahrlafetten angegangen sei. Wovon mag er in dieser entsetzlichen Nacht noch geträumt haben?

Wir stützen ihn und wollen ihn so schnell wie möglich aus der gefährlichen Höhe nach unten bringen. Als wir im Blankeis der Steilflanke mit uns und unserem Patienten voll beschäftigt sind, ruft unser Arzt plötzlich: "Halt - noch ein Schritt und Hansjörg ist tot." Der Doc hat erkannt, dass sich durch die Anstrengung der körperliche Zustand des Geretteten rapid verschlechtert hat und der sogenannte Rettungstod droht. Hansjörg registriert unsere Aktivitäten offensichtlich nicht mehr.

Wir funktionieren trotz des steilen Eises einen leeren Rucksack als Schlitten um, binden Hansjörg darauf und sichern ihn durch Eis und Schnee zum rettenden Lager, das wir nach etlichen Stunden erreichen.

Die Mühen haben sich gelohnt und sind schnell vergessen. - Hansjörg lebt, auch wenn er schwere Erfrierungen hat und für ihn die Expedition zu Ende ist.

Während der folgenden Tage und Nächte wüten wieder orkanartige Stürme. Doch schließlich am 26. April steigen wir abermals zum "Korridor-Lager" (6.800 m) auf. Nach einer passablen Nacht gehen wir weiter. Sigi, Heini und ich stellen oberhalb einer steilen etwa 400 m hohen Eiswand zwei Innenzelte auf. Die Überzelte haben wir aus Gewichtsgründen nicht heraufgeschleppt. Weniger als 4 Stunden waren wir unterwegs. Die restlichen Teilnehmer kommen viel später, meist einzeln und schwer keuchend an. Als Letzter kommt nach über 9 Stunden Fritz Luchsinger. Anscheinend ist er sehr schwach. Die relativ lange Zeit in großer Höhe, ohne die sonst üblichen Abstiege mit Regenerierungsphasen, hat ihn offenbar viel Substanz gekostet und seiner ursprünglich exzellenten Kondition schwer geschadet.

Sigi und ich nehmen Fritz zu uns ins Zelt. Heini und die übrigen drei Teilnehmer sind im Nachbarzelt. Die Nacht ist wieder sehr stürmisch. Fritz hustet ununterbrochen. Wir befürchten, er hat ein Lungenödem.

Da der Sturm auch am Morgen unverändert bläst, ist an einen Gipfelgang nicht zu denken. Trotz der Einnahme von zwei Lasix und der Verabreichung von künstlichem Sauerstoff geht es Fritz miserabel. Obgleich unser Arzt den Gesundheitszustand unseres Kameraden weniger ernst beurteilt und Fritz bleiben will, besteht Sigi darauf, Fritz hinunterzubringen. Heini bietet seine Hilfe an.

Sigi und Heini bringen den mehr oder weniger Bewegungsunfähigen in einer an Dramatik nicht zu überbietenden Aktion entlang der Fixseile über die Eiswand hinab bis in den sogenannten Korridor. Heini stürzt während des Abstiegs, überlebt den Sturz, trägt aber eine Gehirnerschütterung davon. Trotz aller Mühen verstirbt Fritz in Sigis Armen. Er und Heini bestatten ihn in der Nähe des Lagers III.

Von all dem erfahre ich erst viel später. Ich weiß zu dem Zeitpunkt nur, dass ich allein bin im Zelt, weil Sigi und Heini abgestiegen sind und wohl auch nicht nochmals kommen werden.

Das Alleinsein unter solch extremen Bedingungen deprimiert. Meine Stimmung sinkt auf den Nullpunkt, als gegen Abend der Funkspruch kommt - Fritz ist nicht mehr am Leben. Er starb, trotz der aufopfernden Hilfeleistungen unserer beiden Kameraden, auf etwa 7.000 m. War es ein Lungenödem, ein Hirnödem oder ein Herzinfarkt? Niemand weiß es.

Ich kann nicht schlafen. Schon um 3 Uhr morgens zünde ich den Kocher an, um Schnee zu schmelzen. Zu wenig Flüssigkeit bedeutet in dieser Höhe den sicheren Tod. Meine Stimmung wird nicht besser, als meine Bemühungen ohne Erfolg bleiben. Zu dünn ist der Perlonstoff des Innenzeltes, um den Wind abzuhalten. Der Kocher produziert nicht genug Hitze - Schnee bleibt Schnee.

Als gegen 5 Uhr der Sturm nachlässt, versuche ich es noch einmal. Ich schirme den Kocher mit meinem Körper ab. Jetzt schmilzt der Schnee, ich kann Tee kochen.

Da der Sturm erträglich ist, mache ich mich fertig zum Gipfelgang. Lange dauern die Vorbereitungen in dieser dünnen Luft. Spät, eigentlich zu spät, gehe ich um 9 Uhr zum Nachbarzelt, in dem die drei noch verbliebenen Teilnehmer die Nacht verbracht haben. Sie sind noch mit Kochen beschäftigt. Ich mahne zur Eile.

Schließlich seilen wir uns an. Schon nach ganz kurzer Zeit klagen meine Seilkameraden, dass unser Gehrhythmus zu verschieden sei, um den Aufstieg gemeinsam zu machen. Ich muss allein gehen, obgleich ich weiß, wie gefährlich das in großen Höhen ist.

Das Spuren strengt an - niemand wird mich dabei unterstützen, niemand kann mir helfen, wenn es notwendig sein sollte. Der Abstand zwischen mir und den anderen wird leider immer größer.

Ich weiß, dass eine Querung zu der vor mir liegenden Scharte äußerst lawinengefährlich ist. Deshalb lege ich die Spur so steil an, dass diese Querung vermieden wird.

Die Flanke zu dem vor mir liegenden Grat wird immer steiler. Beim Höhersteigen taucht ein Eisgipfel auf, der die übrigen Gratzacken erheblich überragt. Es ist der Zentralgipfel. Ich erinnere mich, dass die Teilnehmer einer österreichischen Expedition im Herbst 1980 auf diesem Gipfel waren, weil es nach ihrer Überzeugung der höchste war. Ich jedenfalls beschließe, über die Nordwand dieses Gipfels in dessen Falllinie weiterzuklettern. Immer steiler wird das Eis und ausgerechnet ich, der ich, gerade in großen Höhen, immer für das Anseilen und Zusammenbleiben war, bin allein. Wenn hin und wieder meine Tritte ausbrechen, stockt mir der Atem und ich beneide die Kameraden weit unter mir, die wie kleine Punkte noch im flacheren Teil der Flanke sind. Doch all meine Gedanken und Reaktionen sind so auf den Gipfel fixiert, dass ich erst aufhöre zu steigen, als der nach Süden überwächtete Gipfel gegen 17 Uhr erreicht ist. Ich stehe nach Manaslu (1973) und Mt. Everest (1979) an diesem 29. April 1983 auf meinem 3. Achttausender.

Wolkenfetzen, die der Südwind aus Nepal heranpeitscht, behindern die Sicht, doch sehe ich schemenhaft die anderen Gipfel unter mir liegen. Der Blick über die fast 4.000 m nach Nepal abbrechende Südwand, erstmals von einer englischen Expedition (Doug Scott und Kameraden) durchklettert, lässt mich erschauern.

Ich verweile nur kurz; zu schwer und gefährlich ist der Abstieg über die sehr steile Nordflanke. An deren Ende treffe ich meine drei Kameraden wieder, die mich begrüßen und, trotz der fortgeschrittenen Tageszeit (17.30 Uhr), ihrerseits über die erwähnte Scharte zum Gipfel weitersteigen wollen.

Erst als ich gegen 19 Uhr das Lager erreiche, weicht die Spannung dieses anstrengenden und gefährlichen Tages von mir und ich falle in tiefen Schlaf. Meine Kameraden, die erst um 23 Uhr im Mondlicht zurückkommen, höre ich nicht mehr.

Das Ende unserer Shisha Pangma-Expedition ist rasch geschildert: Von den ursprünglich 13 Teilnehmern blieben nur Sigi und ich übrig. Die anderen Überlebenden sind vorzeitig abgereist wegen Erfrierungen oder sonstiger Blessuren. Sigi und ich mussten noch zehn Tage hart arbeiten, bis alle Zelte, die Bergausrüstung und die verbliebenen Habseligkeiten der anderen Teilnehmer verpackt und für die Rückreise hergerichtet waren. Erst dann durften auch wir den Heimflug antreten.

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